Winterblues

Nach einem wunderbaren Herbst kommt nun der Winter, oder zumindest schon mal der erste Schnee.

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Es ist immer wieder schade, dass Indiana so flach ist - ein Schlittelhuegel oder so waere doch wirklich lustig!

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Mathias gefaellt es trotzdem.

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Geocachen kann man schliesslich auch im Schnee, und dazu gibt es auch noch eine Schneeballschlacht!

Unsere Lieblingsnachbarn

Wenn es draussen kaelter wird, treffen wir unsere Nachbarn leider nicht mehr so oft draussen im Garten an. Daher greifen wir auf moderne Kommunikation zurueck: Ich schreibe Suzy eine Nachricht. Doch damit faengt der Spass erst richtig an, denn Suzy schaut nicht auf ihr Handy. Also schreiben wir Nishant eine Facebook-Nachricht, dass er Suzy sagen soll, sie solle aufs Handy schauen. Aber Nishant schaut nicht auf seinen Computer! Was macht man da? Man greift auf bewaehrtere Mittel zurueck, wie zum Beispiel Rauch- oder wenigstens Handzeichen. Wenn das auch nicht funktioniert, hole ich die Brieftauben raus!!

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Schlussendlich klappt aber alles, und wir verabreden uns zum Abendessen. Diesmal werden wir von Nishants Bruder Sundeep und seiner Frau Robin eingeladen. Um ein bisschen Winterstimmung zu verbreiten, bringen wir Grittibaenze mit. Mathias hat kreativ mitgestaltet!

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Unsere Lieblingsnachbarn, Nishant und Suzy.

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Und das sind Sundeep und Robin. Die zwei wohnen mit ihren zwei Hunden (Even und Prime) auch in West Lafayette.

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Die vier sind eine extrem spassige Truppe! Wir haben einen tollen Abend mit leckerem indischen Essen.

Frankfort und Umgebung

Natuerlich lassen wir es uns auch im Winter nicht nehmen, ein paar Ausfluege zu machen. Am 5. Dezember fahren wir nach Frankfort, einer Kleinstadt in einer knappen Stunde Fahrdistanz. (Ja, die europaeischen Auswanderer waren nicht so kreativ in ihrer Namensgebung.) Einerseits waren wir hier noch nie, und andererseits gibt es hier einige Geocaches...

Nachdem wir ein paar Stunden lang durch die Gegend geschlendert sind, sammeln sich immer mehr Leute am Strassenrand. Wir fragen uns natuerlich, was da passieren wird, und gesellen uns dazu. Nicht viel spaeter faehrt ein Lay's Laster vorbei. Frito Lay ist eine Chipsmarke, die eine grosse Fabrik in Frankfort hat. Und die verteilen kleine Chipspaeckchen! Wir kriegen etwa fuenf, und das obwohl wir nicht aggressiv am sammeln sind, sondern einfach nur in der hinteren Reihe stehen. Wow. Die muessen Unmengen verteilt haben! Spassige Sache.

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Wir wundern uns noch kurz, dass so viele Leute wegen ein paar Chipspaeckchen an der Strasse stehen, da faehrt bereits das naechste Kuriosum vorbei: Ein Feuerwehrauto!

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Und langsam daemmert uns, was hier abgeht: Ein Weihnachtsumzug! Lautsprecherdurchsagen teilen uns naemlich mit, dass Kinder zu einem bestimmten Platz gehen koennen, um Santa zu sehen. Ach so ist das! Nun, unter einem Weihnachts- oder auch nur Winterumzug haette ich mir ein bisschen etwas anderes vorgestellt, aber in den USA ist halt alles etwas anders. Musik haben sie jedenfalls auch, fast ein bisschen wie Fasnacht!

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Und zwischen verschiedenen Musikgruppen stolzieren auch Pferde mit Fahnentraegern vorbei.

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Doch natuerlich bleibt es nicht dabei. USA ist immerhin USA. Also darf natuerlich auch eine Biker-Gruppe an dem Umzug teilnehmen!

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Und ja, auch irgendwelche Oldtimer, behangen mit jenstem alten Kram, welchen sie gerade noch rumliegen hatten, duerfen mitfahren. Und nein, das Tier links ist keine Ziege, sondern ein Hund. Hunde duerfen naemlich auch teilnehmen. Aber sie kriegen Rentiergeweihe aufgesetzt. Wieso weiss niemand so genau.

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Und nein, auch nach den Rentier-Hunden ist das Abstruseste noch nicht vorbei, denn es laufen auch noch Lamas an uns vorbei! Lamas! Auf knapp 300 Metern ueber Meer. Was es nicht alles gibt.

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Lustig ist ja, dass wir von diesem Umzug ueberhaupt nichts gewusst hatten, und wir nur wegen ein paar Geocaches hierher gekommen sind - und weil wir mal wieder aus Lafayette wegkommen wollten, natuerlich. Und dann endet man in Frankfort und sieht eine Nikolausparade ohne Nikolaus. Spassig. Und das ist noch nicht alles: Auf dem Heimweg - es wird zur Zeit ja recht frueh dunkel - sehen wir einen Park, der ueber und ueber mit Lichterketten und Weihnachtsdeko behangen ist.

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Soweit ist das ja noch nicht sonderlich speziell, aber: Der Park ist dazu gedacht, dass man mit dem Auto hindurch faehrt! Nicht mal die paar Meter muss man laufen, sondern man faehrt mit dem Auto durch die Park-Straesschen und guckt sich die Beleuchtung an!

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Dieses Land ist schon irgendwie sonderbar.

Delphi und Umgebung

An einem anderen Tag sind wir dafuer so frueh unterwegs, dass wir einen tollen Sonnenaufgang sehen. Ja ja, ich weiss, zur Zeit geht die Sonne relativ spaet auf... Trotzdem!

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Das Highlight des heutigen Ausflugs ist eine riesige Holzbruecke, die Deer Creek High Bridge. Frueher ging mal eine Eisenbahnlinie hier durch, aber seit Eisenbahnen in den USA nicht mehr so gefragt sind, liegt die Bruecke brach. Sie ist aber immer noch cool anzuschauen!

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Gebaut wurde die Bruecke in den 1890er Jahren, seit 1987 wird sie nicht mehr benutzt. Sie gilt zwar noch als stabil, trotzdem sollte sie natuerlich nicht benutzt werden. Es hat ja auch kein Gelaender, und bei der tiefsten Stelle ist sie doch fast 20 Meter ueber dem Fluss! Daher wohl auch der Name... Obwohl wir die Bruecke also aus Sicherheitsgruenden nicht ueberqueren, laesst es sich Mathias natuerlich nicht nehmen, ein paar Meter rauszulaufen und etwas Schabernack zu treiben.

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Hier nochmal die Bruecke ohne unser Gegrinse, dafuer mit Sicht auf den Fluss unten.

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Das Wetter ist leider mal wieder eher maessig. Zum Glueck haben wir Sternchen-Schirme!

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Ein weiteres Highlight unseres heutigen Ausfluges ist dieser alte Brennofen, in Englisch Kiln genannt. Hier wurde Kalkstein (Limestone) in Branntkalk (Quicklime) umgewandelt, der dann zum Bauen verwendet wurde. Die Location ist klever gewaehlt: Direkt an einem ruhigen Nebenkanal des Flusses, ueber welchen die hohe Bruecke von vorhin fuehrt. Rechts sieht man noch den Arm raushaengen, mit welchem Schiffe be- und entladen wurden. Praktisch!

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Auch ueber diesen Nebenkanal fuehrt eine Bruecke, diesmal eine kleinere Haengebruecke.

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Natuerlich huepft Mathias wie wild darauf herum, aber gluecklicherweise besteht die Bruecke den Haertetest.

Das Loch in der Wand

OK, es wird Zeit dass ich ueber ein etwas schwierigeres Thema schreibe. Ein Thema, welches ich schon seit viel zu langer Zeit vor mir her schiebe. Es geht um das Loch in der Wand. Vielleicht habt ihr schon davon gehoert - am ehesten, wenn Mathias mich mal damit aufgezogen hat. Das macht er gelegentlich, und eigentlich auch zu Recht. Ich bin jedoch nicht alleine Schuld, die Umstaende haben ihren Teil dazu beigetragen! Aber ich fange besser vorne an. Erinnert ihr euch an das Einbaubuffet in unserem Esszimmer? Dieses hier?

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Nun, uns beiden, oder zumindest mir, war eigentlich von Anfang an klar, dass dieses Ding raus muss. Wie auf dem Foto zu sehen ist, ist es nicht mehr in bester Qualitaet, und im Gegensatz zu den anderen Einbauschraenken laesst sich hier auch mit Farbe oder so nicht mehr gross etwas aendern. Also raus damit. So weit, so simpel.

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Gleichzeitig schmieden wir Plaene, wie wir das Haus umbauen wollen. Eine Idee ist, die Wand zwischen der Kueche und dem Esszimmer ganz zu entfernen, um einen offeneren, groesseren Raum zu haben. Am Anfang waren wir ziemlich begeistert von dieser Idee, doch dann haben wir herausgefunden, dass man fuer das Entfernen von Waenden moeglicherweise eine Bewilligung braucht. Das ist definitiv zu muehsam und zu kostspielig fuer unsere Situation. Also lassen wir die Idee fallen. Gleichzeitig haben wir nun aber auch ein halbentferntes Buffet. Toll.

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Ich bin immer noch der Meinung, dass das Teil raus muss. Wenn wir schon nicht die Wand entfernen, koennen wir sie wenigstens gerade machen - man sieht ja auf den Bildern, wie die Wand unten nach weiter hinten geht und dafuer oben etwas heraus steht. Wenigstens das koennte man doch machen...? Nun, wie sich heraus stellt, laesst sich der untere Schrank nicht so ohne Weiteres entfernen. Und so kommt es zum ersten Loch.

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Jetzt, wo ich schon mal angefangen habe, geht alles relativ schnell. Ich kann ja nicht einfach ein Loch in der Wand lassen! Aber die untere Kommode will partout nicht heraus kommen. Ich muss von der Rueckseite heran kommen. Also muss ich einen Teil der Rueckwand entfernen. Und schwupps ist auch von der Kuechenseite her ein Loch in der Wand!

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Nun kommt das Buffet endlich heraus. Nur, das Loch ist jetzt doch schon relativ gross...

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Da ich also schon dabei bin, will ich wenigstens das ueberstehende Stueck Wand wegbekommen. Das sollte doch machbar sein! Also weiter haemmern, meisseln, pickeln und murksen, und schon hat man noch mehr Loecher in der Wand.

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Aeh, ja, und das ist jetzt also das beruehmte Loch in der Wand...

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Da jetzt eh schon ein riesiges Loch in der Wand ist, haben wir eine neue Idee: Wir koennten eine Durchreiche einbauen! Dafuer braucht man naemlich keine Bewilligung, da die Holzlatten nicht entfernt werden. Die Gipsplatten sind nur Deko. Super Plan. Ich fange mal mit der Umsetzung an.

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Damit man wenigstens mal wieder Leute ins Esszimmer lassen kann, mache ich kurzzeitig an einem anderen Projekt weiter: Ich will naemlich eine zusaetzliche Beleuchtung im Esszimmer einbauen. Das war unter anderem mit ein Grund, warum ich dieses ueberstehende Stueck Wand weghaben wollte. Mit diesem Projekt komme ich schneller vorwaerts, und bald erstrahlt das Esszimmer in violettem Licht!

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Mathias baut noch einen Schalter ein, mit welchem das Licht wie jedes andere Licht ein- und ausgeschaltet werden kann. Im Hintergrund sieht man, wie sich das Loch in der Wand schon merklich verkleinert hat. So gross sollte die Durchreiche werden! Eigentlich.

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Ja, eigentlich. Denn danach passiert sehr vieles, und doch sehr wenig. Wir reisen nach Suedamerika, wir reisen nach Europa, wir reisen in der halben USA umher, wir haben Gaeste - kurz: Es ist Sommer. Und dann wird es Herbst und ich beginne, Vorlesungen zu hoeren, und das Loch ist halt immer noch da. Und dann kommt der Moment, in welchem uns hier so ziemlich alles um die Ohren fliegt. Der Purdue Tiefpunkt. Greencard klappt nicht, mein Studium klappt nicht, irgendwie ist bei allem der Wurm drin. Und wir sind kurz davor, das Experiment Indiana abzubrechen. Was auch heissen wuerde, das Haus zu verkaufen. Also verwerfen wir saemtliche Plaene, und ruckzuck, wird das Loch endlich geflickt.

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Die Durchreiche-Plaene werden begraben, und das Loch wird dicht gemacht. Die Kueche sieht etwa aus wie zuvor, und mit gestrichener Wand und neuen Sockelleisten faellt nicht mehr gross auf, dass da mal ein Loch war.

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Die Esszimmerseite ist etwas komplizierter. Hier ist die Wand nun ein ziemliches Flickwerk, weil ja die einzelnen Teile nacheinander eingebaut wurden. Dummerweise sieht man die Uebergangsstellen noch ein bisschen. Fuer den Moment habe ich ein paar Bilder darueber gehaengt, aber eventuell werde ich die Wand irgendwann nochmal neu machen muessen. Wenn wir das Haus dann wirklich verkaufen. Denn fuer den Moment hat sich der Purdue-Sturm etwas gelegt, und wir haben beschlossen, doch noch ein bisschen hier zu bleiben.

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Trotzdem war der ganze Aufruhr im Nachhinein ziemlich spannend: Wir haben festgestellt, dass wir unterdessen, trotz Hauskauf, innerhalb weniger Tage bereit waeren, umzuziehen. Und wir haben unsere Frustrationstoleranz mal wieder neu kalibriert. Dieses Land bringt uns an unsere Grenzen, und wir wachsen daran. Aber es macht uns auch zynischer und verbitterter. Ich hoffe, dass wir eine Balance finden.

Unsere temporaere Aufbruchstimmung hatte noch weitere Auswirkungen: Unsere Nachbarn bauten ihre Kueche um. Sie hatten Einbauschraenke in der Kueche, die sie verkaufen wollten, aber niemand wollte sie. Bevor sie sie ins Brocki brachten, fragten sie uns, ob wir sie eventuell wollen. Da wir eigentlich sowieso die Kueche umbauen wollten, begannen wir einmal mehr, Plaene zu schmeiden und den Raum zu vermessen, und wir fanden eine Methode, wie wir die Schraenke haetten brauchen koennen. Also kauften wir unseren Nachbarn die Schraenke ab. Dann kam der Clash, und die Kuechenumbauplaene loesten sich in Luft auf. Trotzdem besassen wir jetzt diese Schraenke! Also planten wir kurzfristig um: Wir haben ja ein drittes Zimmer, welches nicht als Schlafzimmer gilt, weil es keinen Einbauschrank hat. Also bauen wir doch einfach den Kuecheneinbauschrank ins Schlafzimmer ein! Und zwar an diese Wand, ihr erinnert euch:

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Ja, das passt doch ganz gut!

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In die Mitte kommt dann irgendwann noch eine Stange, so dass man Kleider hineinhaengen kann. So kann man ihn durchaus als Kleiderschrank verwenden. Nicht optimal, aber genuegend. Und wenn die zukuenftigen Besitzer des Hauses diesen Schrank einmal loswerden moechten, wird es allemal einfacher sein, ihn zu entfernen, als es bei dem Einbauschrank im Esszimmer war...

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Die letzten paar Wochen verliefen nicht ganz nach Plan. Aber am Schluss hat sich alles mehr oder weniger geklaert, so dass wir beschliessen, noch eine Weile in Lafayette zu bleiben. Denn es gibt unterdessen durchaus auch viele positive Aspekte: Unsere Nachbarn sind die besten, wir haben einige Freunde gefunden, Mathias' Forschungsgruppe waechst und gedeiht, mit unserer Greencard hat es schlussendlich doch noch geklappt, unser Haus ist trotz allem langsam richtig wohnlich, ab naechstem Semester darf ich richtig studieren... 2016 kann nur besser werden. Aber im Moment sind wir mehr als reif fuer einen Heimurlaub. Also nichts wie los!!

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